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Eine Wiese für Insekten

24. Oktober 2019
Schon vor dem 1.000 Grüne Dächer Programm haben Berliner*innen Dächer begrünt. Wir lassen in der Reihe »Aus Alt mach Grün« drei von ihnen zu Wort kommen. Die Beispiele sind nicht ohne Weiteres übertragbar. Sie zeigen aber: Die Erstbegrünung von Dächern auf Bestandsgebäuden ist möglich und steigert die Lebensqualität.

Sie seien in puncto Pflege im Grunde schlimmer als ein Hund. Schließlich könne man sie nicht mit in Urlaub nehmen. Claus Lutterbeck steht auf dem begrünten Flachdach seiner Dachgeschosswohnung in Berlin-Friedenau und zeigt schmunzelnd auf den Gegenstand seines gespielten Ärgers: große, runde und tiefrote Tomaten. »Jedes Jahr aufs Neue will ich auf sie verzichten, weil sie so viel Wasser brauchen. Aber dann baue ich sie doch an, weil sie unter den gegebenen Bedingungen so gut wachsen«, erzählt er.

 

Zu den Bedingungen, wie der ehemalige Journalist es beschreibt, gehören ein 160 Quadratmeter großes extensives Gründach, eine gerademal zehn Zentimeter tiefe Substratschicht aus Ton- und Ziegelgranulat und – zumindest im Sommer – jede Menge Sonne. Alles, was auf dem Dach wachse, sei daher von Hitze und Trockenheit bedroht, so der leidenschaftlichen Gärtner. Für ihn sei es ein Quell der Mühsal und Begeisterung zugleich. Aber der Reihe nach.

Dachaufstockung mit begrüntem Flachdach

Das Dach, auf dem Claus Lutterbeck heute steht, hat er nicht selbst gebaut. Als Mitglied der Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG) hat er die Dachaufstockung aber begleitet. »Das Dach hatte Schwamm«, schildert der Friedenauer. »Die Kosten für die Sanierung waren so hoch, dass die WEG entschied, dass Dach günstig an einen jungen Architekten mit grünen Ideen abzugeben. Dieser setzte auf den Altbau ein neues Dachgeschoss mit begrüntem Flachdach.«

Das war 2001. Fünf Jahre später konnten Lutterbeck und seine Frau dem Architekten die Wohnung abkaufen und selbst einziehen. 2013, im Jahr seines Ruhestands, beschloss er, das extensiv begrünte Flachdach zu einem »schöneren und bunteren Ort zu machen«. Eine Insektenwiese wollte er anlegen. Wer Lust hat, sollte sich dort niederlassen können. »Ich gärtnere für mein Leben gern. Als Journalist arbeitete ich 30 Jahre im Ausland. Meine Frau und ich haben immer in Häusern mit Garten gewohnt«, beschreibt er seine Motivation.

Biodiversität

Dachbegrünungen bieten Lebensräume für Flora und Fauna. Folgende Maßnahmen können die Biodiversität fördern:

 

  • Variation der Substrathöhe: Durch Modulation der Substratoberfläche und -höhe kann ein großes Pflanzenspektrum mit verschiedenen Wuchshöhen angepflanzt werden. Neben niedrigwüchsigen Sedum-Arten (benötigen mind. 6 cm Substrathöhe) können auf Anhügelungen bis 12 cm vielfältige Kräuter und Gräser eingepflanzt werden.

 

  • Pflanzenauswahl: Die Vielfalt entscheidet über das Vorkommen von Tierarten. Zum Beispiel locken Futterpflanzen wie Lavendel, Wiesensalbei, Natternkopf oder wilder Majoran Bienen und Schmetterlinge an.

 

  • Temporäre Wasserflächen: Mit Sand abgedeckte Folien können in die Dachgestaltung integriert werden und somit eine Tränke für Insekten und Vögel schaffen.
Biene in Blüte

 

 

  • Vegetationsfreie Bereiche: Grobkiesbeete, Sandlinsen und Lehmflächen bieten Versteck-, Brut- und Sonnenplätze für Insekten.

 

  • Totholz: Abgestorbene Äste und Stämme dienen als Gestaltungselemente und bieten Lebensraum für Moose, Pilze, Käfer und Ameisen.

 

  • Nisthilfen: Um die Ansiedlung von Insekten gezielt zu unterstützen, können Insektenhotels und Hummelnistkästen platziert werden.

Für genügend Feuchtigkeit sorgen

Im Frühjahr 2014 war es dann soweit. Claus Lutterbeck deckte sich im Gartencenter mit Pflanzen ein. Zurück Zuhause musste er jedoch bald feststellen, dass viele den trockenen und flachen Boden nicht vertrugen. Was bei anderen dazu geführt hätte, dass sie den Kopf hängen lassen, weckte bei dem ehemaligen Journalisten erst so richtig die Neugier. »Es macht Spaß zu sehen, was geht und was nicht. Manche Pflanzen verzeihen viel, andere sind gleich tot.«

»Es macht Spaß zu sehen, was geht und was nicht. Manche Pflanzen verzeihen viel, andere sind gleich tot.«

Ein ständiger Lernprozess setzte ein. Lutterbeck begann damit, nach geeigneten Stellen für die Bepflanzung zu suchen. »Da das Dach nicht eben ist, gibt es viele Ecken und Kanten, an denen sich das Wasser staut und die Erde länger feucht bleibt. An diesen Stellen habe ich den Boden mit Erde angereichert«, beschreibt er sein Vorgehen. So befüllte er beispielsweise an zwei Schornsteinen Kunststoffsäcke mit 75 Zentimeter Erde und bepflanzte sie mit trockenheitsresistenten Gewächsen wie Lavendel, Salbei oder Thymian. An Mäuerchen warf er zehn Zentimeter Erde auf, um Blumen zu setzen.

Die richtigen Pflanzen auswählen

Wichtig sei natürlich auch die Auswahl der Pflanzen. Er recherchiere viel im Internet und probiere dann aus, erzählt Lutterbeck. Das Ergebnis kann man sehen: Neben den Trockengewürzen aus dem Süden stehen Petersilie, Schnittlauch, Koriander, Minze und Bohnenkraut. Blumen sind Kosmeen, Klatschmohn, Prachtwinden, Kamille, Lavendel und Sonnenblumen. Zu den Tomaten gesellen sich Blattkohlarten und Peperoncini. Und auf der Terrasse, die zur Wohnung gehört und über die man das Flachdach erreicht, steht ein Apfelbaum.

Angesprochen auf die Bewässerung zeigt Claus Lutterbeck einen Wasserhahn, an dem eine Vielzahl von Schläuchen hängt. Die Terrasse und der angrenzende Bereich des Flachdachs beziehe sein Wasser über ein herkömmliches Tröpfchensystem. Für weitere Bewässerungssysteme reiche der Wasserdruck nicht aus. Den großen Rest versorge er eigenhändig mit dem Schlauch. Zudem sammle das Dach fast das gesamte Regenwasser des Grundstücks. »Eine anständige Wasserleitung ist das einzige, was ich mir noch wünsche«, sagt der Dachgärtner aus Leidenschaft. »Dann kann ich endlich ruhigen Gewissens in Urlaub fahren.«

Planung und Bau

Bei der Begrünung von Dächern sollten die anerkannten Regeln der Technik eingehalten werden. Diese sind in den »Richtlinien für Planung, Bau und Instandhaltung von Dachbegrünungen« (kostenpflichtig) der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL) festgehalten.

Durch die zusätzliche Flächenlast werden spezielle Anforderungen an Bauwerk und Dachunterkonstruktion gestellt. Ob die statischen Verhältnisse des Daches eine Begrünung zulassen, sollte fachkundig von einem Statiker geprüft werden.

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