Weiterdenken

Abkopplung durch blau-grün-graue Kopplung

27. Juli 2020
Die Auswirkungen des Klimawandels haben einen erheblichen Einfluss auf das Leben in Städten. Immer wieder überfluten Starkregen Keller, Straßenunterführungen und U-Bahn-Schächte. Diese und weitere Klimafolgen sind nicht allein durch Lösungen und Maßnahmen der technischen Wasserinfrastrukturen zu bewältigen.

In Berlin ist ein veränderter Umgang mit Wasser Teil der Diskussion für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung. Die Bedeutung einer dezentralen Regenwasserbewirtschaftung und der Wiederverwendung von Regen- und Grauwasser als Betriebswasser ist für die städtische Entwicklung zunehmend wichtig. Politische Unterstützung hat eine veränderte Regenwasserbewirtschaftung durch einen Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses erhalten, mit dem jährlich 1 Prozent der am Mischkanalsystem angeschlossenen Gebäude- und Grundstücksflächen vom Kanal abgekoppelt werden sollen.

Über netWORKS 4

netWORKS 4 wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Förderschwerpunkt Sozial-Ökologische Forschung gefördert. Projektpartner sind das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu),

das Kompetenzzentrum Wasser Berlin (KWB), die Berliner Wasserbetriebe (BWB), die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen in Berlin sowie die Stadt Norderstedt und Ramboll Studio Dreiseitl. https://networks-group.de

So paradox sich das anhören mag: Zu diesem »Abkopplungsziel« vom Mischkanalsystem kann die »Kopplung« von blauen, grünen und grauen Infrastrukturen, das heißt: eine bewusst gestaltete Vernetzung von grauer, technischer Wasserinfrastruktur mit blauen und grünen Infrastrukturen wie urbane Gewässer und städtisches Grün, einen wichtigen Beitrag in Berlin leisten.

 

Potenziale blauer und grüner Infrastrukturen nutzen

Blaue und grüne Infrastrukturen erfüllen zahlreiche Funktionen, die für eine klimaangepasste Stadtentwicklung genutzt werden können: Bei Starkregen kann Wasser zum Beispiel in abgesenkten Grünflächen eingestaut und versickert sowie an deren Vegetation abgegeben werden. Zugleich lassen sich durch eine bessere Wasserversorgung zum Beispiel Parks so gestalten und bewirtschaften, dass sie ihre öko­logischen, klimatischen und Erholungsfunktionen auch bei Hitze und Trockenheit optimal entfalten können.

Bäume in Mulden
Abgesenkte und mit Bäumen bewachsene Grünfläche an der Rummelsburger Bucht

In längeren Hitze- und Trockenperioden müssen Bäume und Grünflächen bewässert werden. Dazu ist es sinnvoll, auf gespeichertes Regenwasser oder auf Betriebswasser zurückzugreifen. Auch die Toilette kann mit Betriebswasser gespült werden, was wertvolle Trinkwasser­ressourcen schont. Hierfür kann je nach örtlicher Situation auf Grund- oder Oberflächenwasser, aber auch auf Grauwasser (Trinkwasser nach häuslicher Nutzung in der Dusche oder im Handwaschbecken) zurückgegriffen werden.

 

Klimaanpassung durch vernetze Planung

Das Forschungsvorhaben netWORKS 4 hat bestehende Planungsprozesse weiterentwickelt und in Berliner Fokusgebieten erprobt. Das partizipative Vorgehen ermöglicht eine gemeinsame Suche nach Lösungen und Gestaltungsoptionen für eine klimaangepasste Stadtentwicklung. Das inter- und transdisziplinär angelegte Vorgehen stützt sich dabei auf Vorarbeiten aus dem Projekt KURAS und Erkenntnisse zur Gestaltung von Transformationsprozessen in der Siedlungswasserwirtschaft. Die folgende Abbildung gibt das strukturierte, an planerischen Zielen ausgerichtete Vorgehen wieder:

Das Vorgehen im integrierten Planungsprozess

Das Vorgehen ermöglicht, auf partizipative Weise effektive Varianten gekoppelter Infrastrukturen zu entwickeln und auf dieser Grundlage Gebäude und Grundstücke von der Mischwasserkanalisation abzukoppeln. Mit dem Ansatz der Kopplung blauer, grüner und grauer Infrastrukturen eröffnen sich Möglichkeiten und Potenziale, die bestehende Stadtentwässerung grundlegend zu verändern.

Workshop im Rahmen des integrierten Planungsprozesses

Insbesondere in Stadtumbau- und Nachverdichtungsgebieten können durch eine grundstücksübergreifende Planung und die integrierte Betrachtung von Neubau und Bestand das Umsetzungspotenzial und die Effektivität gekoppelter Infrastrukturen erhöht werden. Damit kann ein Beitrag für eine klimaangepasste Stadtentwicklung geleistet werden.

 

Die Ergebnisse aus dem Projekt netWORKS 4 zeigen, wie eine Kopplung von blauen, grünen und grauen Infrastrukturen praktisch aussehen kann. Dieses Zusammenspiel der unterschiedlichen Infrastrukturen verspricht, vielfältige und zusätzliche Optionen für die Anpassung an den Klimawandel und einen Beitrag zu den Berliner Abkopplungszielen zu leisten, der die städtische Lebensqualität beachtet. Im Anschlussvorhaben netWORKS 4+ geht es nun darum, die bisher erzielten Ergebnisse in Berlin zu verstetigen und in weitere Planungsprozesse der Stadt einzubringen.

Kontakt

Jan Hendrik Trapp ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) und leitet das Team Infrastruktur und Sicherheit.

 

Dr.-Ing. Pascale Rouault ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Wasser Berlin und leitet den Bereich „Urbane Systeme“.

 

Michel Gunkel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Berliner Wasserbetriebe.