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Grüne Neigung

23. Oktober 2019
Schon vor dem 1.000 Grüne Dächer Programm haben Berliner*innen Dächer begrünt. Wir lassen in der Reihe »Aus Alt mach Grün« drei von ihnen zu Wort kommen. Die Beispiele sind nicht ohne Weiteres übertragbar. Sie zeigen aber: Die Erstbegrünung von Dächern auf Bestandsgebäuden ist möglich und steigert die Lebensqualität.

Ortstermin: Wir befinden uns im Osten von Berlin, in Mahlsdorf. In dem beschaulichen Viertel reihen sich Einfamilienhäuser mit Garten aneinander. Wir sind zu Gast bei Ingo Stutz, Spezialist für Dachabdeckungen mit Kunststoff – und Gründächer.

 

Dachbegrünung in der DDR

Der gebürtige Berliner hat in den 1970er-Jahren in der DDR als Dachdecker für das Kombinat »VEB Ausbau« gearbeitet. Er und seine Kollegen haben damals in den Plattenbaugebieten von Marzahn, Lichtenberg oder Hellersdorf die dort typischen einstöckigen Ladenpassagen mit extensiven Gründächern versehen. Für Stutz sind Gründächer daher nichts Neues. »Schon damals nutzte man sie um Energiekosten zu sparen, da das Grün die Geschäftsräume im Sommer vor Hitze und im Winter vor Kälte schützte«, berichtet er.

Die beiden Häuser von Ingo Stutz mit begrünten Giebeldächern
Die beiden begrünten Giebeldächer
Blick auf die Nachbarschaft
Blick auf die Nachbarschaft

Nach der Wende machte Stutz sich selbstständig. Der Betrieb besteht bis heute und in der Zwischenzeit habe er ein paar hunderttausend Quadratmeter Dachfläche – vom Gartenhaus bis zum großen Supermarkt – abgedichtet und vieles davon begrünt, wie er erzählt. Vor allem extensive Dächer seien das gewesen, aber auch Intensivdächer im Rahmen von Dachaufstockungen.

Begrünung von Schrägdächern

Da verwundert es nicht, dass Ingo Stutz auch sein eigenes Haus begrünt hat. Die Besonderheit: es ist ein Giebeldach. Genauer gesagt sind es zwei Häuser mit Giebeldach: Stutz‘ Wohnhaus, ein Neubau aus den 90er-Jahren, und ein weiteres Haus aus den 70er-Jahren, das er 1990 sanieren ließ und in dem heute sein Betrieb untergebracht ist.

 

Das 180-Quadratmeter-Gründach des Betriebes setzt sich aus mehreren Schichten zusammen. Auf die Dachkonstruktion, die Stutz statisch verstärkte, folgt eine Trennlage, eine wurzelfeste Dachabdichtung, eine Schutzlage, eine sieben Zentimeter dicke Substratschicht und darüber eine Vegetationsschicht aus Sedum. Um bei starkem Regen oder Schnee das Substrat auf dem Schrägdach stabil zu halten, besitzt es zudem eine Kiesfangleiste sowie Schubschwellen.

Begrünung von Schrägdächern

Gründächer können auf allen Dächern bis ca. 45 Grad Dachneigung sowohl bei Neubauten als auch im Bestand realisiert werden, wenn die statischen Verhältnisse des Daches dies zulassen (Prüfung erforderlich). Ab ca. 10 Grad Dachneigung können je nach Konstruktion bzw. Bauweise zusätzliche Maßnahmen gegen das Abrutschen des Aufbaus bzw. einzelner Schichten erforderlich werden. Weitere Materialverlagerungen können durch Oberflächenerosion oder Schüttstoffverlagerungen entstehen und sind mit entsprechenden Sicherungsmaßnahmen zu verhindern.

Die beiden Giebeldächer von oben

 

Detaillierte Normen und Richtlinien für die Begrünung von Dächern nach den anerkannten Regeln der Technik sind in den „Richtlinien für Planung, Bau und Instandhaltung von Dachbegrünungen“ (kostenpflichtig) festgehalten.

Kosten und Nutzen

Angesprochen auf die Vorteile von Gründächern, lässt der Dachexperte nicht lange auf sich warten. Die Lebenserwartung von Dachabdichtungen erhöhe sich mindestens um das Dreifache. Das Gründach isoliere die Innenräume und halte sie im Sommer schön kühl und im Winter warm. »Zudem reduzieren Gründächer Verkehrslärm, halten den Regen zurück, filtern Staub, produzieren Sauerstoff und bringen neue Lebensräume hervor«, listet Ingo Stutz auf. Im Zentrum Berlins müsse es viel mehr Gründächer geben, resümiert er.

Mit dem Bau des Gründachs hat Ingo Stutz eine Solarthermie-Anlage errichtet. Der 650-Liter-Speicher sorgt im Sommer für das komplette Warmwasser.
Mit dem Bau des Gründachs hat Ingo Stutz eine Solarthermie-Anlage errichtet. Der 650-Liter-Speicher sorgt im Sommer für das komplette Warmwasser.
Gründach mit Sedum. Ursprünglich hat Ingo Stutz rund 20 Arten gepflanzt. Mittlerweile haben sich fünf bis sechs Arten durch Sukzession durchgesetzt.
Gründach mit Sedum. Ursprünglich hat Ingo Stutz rund 20 Arten gepflanzt. Mittlerweile haben sich fünf bis sechs Arten durch Sukzession durchgesetzt.

Auch von den Kosten her seien Gründächer praxistauglich. Wer neu baue, müsse nur mit minimal höheren Kosten rechnen als für ein solides Ziegeldach. Dasselbe gelte für Dachaufstockungen. Teurer werde es in der Regel, wenn jemand auf eine bestehende Dachkonstruktion ein Gründach setzen wolle. Die Statik reiche in den meisten Fällen nicht aus, der Dachaufbau müsse verstärkt werden. Kostenintensiver seien auch Schrägdächer ab 25 Grad Dachneigung.

Pflege ist das A und O

Sein Dach pflegt Ingo Stutz übrigens selbst. Er bewässert die Pflanzen nicht, stattdessen gibt er einmal im Jahr Dünger. »Vom Flugzeug aus sehe ich manchmal rote Dächer. Das sind Sedumpflanzen, die weder Wasser noch Nahrung erhalten. Das löst bei den Pflanzen Stress aus, sie hungern und stellen ihr Wachstum ein. Dabei verfärben sie sich rot.« Dabei sei Dünger das A und O. Wenn das Sedum Nahrung habe, reiche auch das Regenwasser, das vom Himmel falle. Der Blick auf sein Dach gibt ihm recht – es erscheint im saftigsten Grün.

Pflege von Gründächern

Dachbegrünungen sollten bereits während der Herstellung bis zur vollen Funktionsfähigkeit (Fertigstellungs- und Entwicklungspflege) sowie später regelmäßig (Unterhaltungspflege) gepflegt und gewartet werden. Die Anforderungen sind je nach Dachbegrünungsart und standortspezifischen Faktoren – wie z. B. Schräge des Daches – unterschiedlich. Es ist daher zu empfehlen, das Thema Pflege und Wartung bereits während der Planung mitzudenken und einen Fachbetrieb aus dem Bereich Garten- und Landschaftsbau hinzuzuziehen.

 

Detaillierte Hinweise zur Pflege und Wartung von begrünten Dächern finden Sie hier (kostenpflichtig).

 

Landschaftsgärtner bepflanzen ein Extensivdach.
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