Weiterdenken

Blühende Mulden

Eine Mitarbeiterin der TU Berlin pflanzt Stauden und Gräser in eine Versickerungsmulde im Wohnquartier an der Rummelsburger Bucht.
15. Dezember 2021
Stauden und Gräser in Versickerungsmulden tragen dazu bei, Regenwasser zu versickern und zu verdunsten. Forscher:innen der TU Berlin und die Berliner Wasserbetriebe möchten zudem die Artenvielfalt erhöhen und das Straßenbild verschönern. Sie untersuchen deshalb, welche Pflanzen sich für die Bedingungen vor Ort eignen.

Gründächer, begrünte Tiefgaragen und Versickerungsmulden auf den Grundstücken, Rasenmulden zur Entwässerung an den Straßen: In einem Wohngebiet in der Rummelsburger Bucht wird der Niederschlag seit dem Bau in den 90er-Jahren vor Ort bewirtschaftet. Nun möchten Forscher:innen der Technischen Universität (TU) Berlin, die Berliner Wasserbetriebe und die Regenwasseragentur einen Schritt weiter gehen und eine der dort befindlichen Rasenmulden mit hochwachsenden Gräsern und blühenden Stauden bepflanzen.

 

Vorteile der Bepflanzung von Mulden

»Wir wissen schon jetzt, dass die Pflanzen dabei helfen werden mehr Regenwasser zu versickern und zu verdunsten als eine gewöhnliche Rasenmulde. Darüber hinaus erhoffen wir uns, dass der Standort attraktiver wird – sowohl für die dort lebenden Menschen als auch für Insekten wie Wildbienen und Schwebfliegen, die hier einen neuen Lebensraum finden.«, fasst Hanna Krüger von der Berliner Regenwasseragentur die Vorteile von bepflanzten Versickerungsmulden zusammen.

Auswahl geeigneter Pflanzen

Bunter und artenreicher soll also die Rasenmulde werden. Damit das gelingt, suchen die Forscher:innen nach geeigneten Stauden und Gräsern. Denn was naheliegend klingt, ist in der Praxis nicht einfach umzusetzen. Nicht umsonst haben die Berliner Wasserbetriebe in den 90er-Jahren einfach zu pflegende Rasenmulden angelegt.

 

»Wir haben eine Mischung unterschiedlicher, heimischer und exotischer Blühstauden bzw. Gräser gepflanzt«, erläutert Daniela Corduan vom Fachgebiet Vegetationstechnik und Pflanzenverwendung an der TU Berlin. »Wir untersuchen, inwiefern sie der zunehmenden Hitze und Trockenheit standhalten und temporäre Überschwemmungen nach Starkregenereignissen überstehen.« Deshalb werden Corduan und ihr Team über mehrere Jahre die Vitalität der Pflanzen, die Anzahl der Blüten, die Blütenbewohner:innen und die benötigte Pflege- und Bewässerungszeit genau im Auge behalten.

Bäume in Mulden

In der Rummelsburger Bucht wurden in den 90er-Jahren in viele Mulden Bäume gepflanzt. Die veränderten Standortbedingungen wie zum Beispiel mehr Regenwasser oder eine größere unversiegelte Oberfläche haben sich positiv auf die Bäume ausgewirkt. Auch für Laien ist bei einem Spaziergang durch das Quartier gut zu erkennen, dass die Bäume in den Mulden deutlich kräftiger sind und offenkundig besser mit Hitze und Trockenheit zurechtkommen als ihre Artgenossen in den konventionellen Baumgruben. Mehr zum Thema Bäume in Mulden.

Das Bild zeigt Bäume in Mulden. Im Vergleich zu Bäumen, die nicht in Mulden stehen, erscheinen sie deutlich grüner und besser gewachsen.

Auch die Berliner Wasserbetriebe, die die Mulden in der Rummelsburger Bucht betreiben und pflegen, haben bereits Erfahrungen mit solch einer Bepflanzung gemacht. »Wichtig ist, dass sie bezogen auf den jeweiligen Standort ausgewählt wird«, weiß Kerstin Grotewal, Landschaftsplanerin bei den Berliner Wasserbetrieben. Randbedingungen wie die Boden- und Lichtverhältnisse, die Böschungsausrichtung und die Nutzung angrenzender bzw. zu entwässernder Flächen müssten individuell berücksichtigt werden, damit sich die Pflanzen dauerhaft wohlfühlen und mit wenig Pflege auskommen. Gleichzeitig müssten Aspekte wie die Verkehrssicherungspflicht, die Einsehbarkeit der Straße für Kinder sowie die Gewährleistung der Entwässerungsfunktion der Mulde mitgedacht werden.

 

Muldensubstrat

Parallel dazu unternimmt die TU Berlin auf ihrem Campus in Berlin-Dahlem weitere Versuche mit Stauden in Versickerungsanlagen und wertet diese aus. Hier wie auch im Wohngebiet in der Rummelsburger Bucht spielt das Muldensubstrat eine besondere Rolle. Die Berliner Wasserbetriebe verwenden für die obersten 30 Zentimeter einen Oberboden mit bestimmten Eigenschaften (siehe BWB-Regelblatt 601). Er soll besonders gute Versickerungsbedingungen schaffen und gleichzeitig gewährleisten, dass das Regenwasser ausreichend gereinigt wird.

 

Das Substrat in der einen Muldenhälfte wurde zusätzlich mit Biokohle und Eisenschlamm angereichert. Eisenschlamm fällt bei der Trinkwasseraufbereitung in den Wasserwerken der BWB als Nebenprodukt an, wenn das Eisen, das als natürlicher Bestandteil im Grundwasser vorkommt, herausgetrennt wird. »Es gibt Hinweise darauf, dass diese Komponenten für eine höhere Wasser- und Nährstoffverfügbarkeit des Bodens sorgen, die Pflanzen somit weniger anfällig für Trockenphasen sind und ein besseres Pflanzenwachstum zeigen«, sagt TU-Forscherin Corduan.

 

 

 

Die Wurzelsperre trennt die linke und rechte Muldenhälfte voneinander, um die Wirkung der beigemischten Biokohle und des Eisenschlamms untersuchen zu können.
Insgesamt sind 17 verschiedene Arten zu entdecken, z. B. Wilde Möhre oder Steppen Salbei.

Mulchung

Auf dem Substrat befindet sich zudem eine mineralische Mulchung aus Grauwackesplitt, die dank ihrer chemischen und physikalischen Eigenschaften die Bodenverhältnisse nicht verändert, was den Pflanzen gerade in der Anwuchsphase zu Gute kommt. Die Mulchung schützt im Sommer vor zu starker Austrocknung des Bodens, verhindert Erosion an den Böschungen der Mulde und hält Wildkräuter davon ab, sich überall auszubreiten. Die neuen Stauden und Gräser werden mit zunehmender Zeit die Grauwacke verdecken.

Befragung der Anwohner:innen

Alle Beteiligten sind gespannt, wie die nun bepflanzten, bunt blühenden Mulden bei den Anwohner:innen ankommen. Sie werden deshalb zum Erscheinungsbild befragt werden. »Damit Berlin zur wassersensiblen Stadt umgebaut werden kann, ist es wichtig, Akzeptanz für Maßnahmen der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung zu schaffen und die vorhandenen Flächen für unterschiedliche Zwecke zu nutzen«, betont Hanna Krüger. Es sei deshalb schön zu beobachten, dass sich immer mehr Projekte und Vorhaben mit der Bepflanzung von Versickerungsanlagen auseinandersetzen und Regenwasser mit Stadtgrün zusammendenken.«

 

 

Das Modellprojekt »Perennierende (ausdauernd, überwinternd) Pflanzen für innerstädtische Versickerungsmulden. Low-Tech-Konzepte mit Stauden zur Versickerung und zur Förderung der Biologischen Vielfalt« wird getragen von der TU Berlin, Fachgebiet Vegetationstechnik und Pflanzenverwendung, und den Berliner Wasserbetrieben, begleitet von der Berliner Regenwasseragentur und finanziert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Laufzeit: 2021 bis 2024.

(Regen-)Taufe für die neu bepflanzte Mulde